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Probiotika und pflanzliche Arzneimittel: das neue „Darm-Dream-Team“?

Interview mit Dr. Dr. Susanne Hinze, Allgemeinmedizinerin und Fachärztin für Naturheilkunde, Bad Oeynhausen

Viele Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden „schwören“ auf die heilende Kraft von Probiotika - also Bakterien, die geschluckt und so in den Darm befördert werden und dort die Beschwerden lindern sollen. Doch was die wenigsten wissen: Oft helfen die kleinen Helferlein nicht „im Alleingang“ so gut, wie sie eigentlich könnten. Warum ist das so?  Wieso ist die Kombination mit pflanzlichen Arzneimitteln manchmal sinnvoll? Und vor allem: Bei welchen Patienten hilft die Kombinationstherapie, wer profitiert davon? 

Zu diesem Thema sprachen wir mit Dr. Dr. Susanne Hinze, Allgemeinmedizinerin und Fachärztin für Naturheilkunde, Bad Oeynhausen.

Frau Dr. Hinze, bei welchen Magen-Darm-Patienten setzen Sie die Kombination von Probiotika zusammen mit pflanzlichen Arzneimitteln ein - und warum gerade bei diesen Betroffenen?

Als Ganzheitsmedizinerin kommen in der Regel „durchtherapierte“ Patienten zu mir – oft mit der Aussage „Ich habe schon alles versucht“. Die Beschwerden dieser Patienten sind im Großen und Ganzen Durchfall, Blähungen, Verstopfung und Krämpfe/Schmerzen, entweder das eine oder das andere – oder im Wechsel. Es ist nicht so, dass sich die Symptomatik wie ein roter Faden stringent durch ihr Leben zieht. Auch bei den begleitenden Schmerzen ist oft keine Ursache ausmachbar – also ob sie durch Stress und/oder Nahrung und/oder durch sonstige Ursachen ausgelöst werden. Dieser Symptomkomplex ist in den meisten Fällen intensiv abgeklärt, d.h. es wurden unter anderem Blut- und Stuhluntersuchungen, ein Ultraschall durchgeführt sowie Magen- und Darmspiegelungen vorgenommen. Alles ohne schulmedizinisch fassbaren Befund. 
Insgesamt lässt sich das Gros dieser Patienten wie folgt zusammenfassen: Sie leiden an diversen unspezifischen Verdauungsbeschwerden, die in der Regel auf einen Reizdarm hindeuten, und sie sind trotz diverser bisheriger Therapieeinsätze nicht beschwerdefrei. Viele dieser Patienten haben in ihrer Historie bereits Probiotika eingesetzt oder nehmen sie noch immer. Im Allgemeinen spricht nichts dagegen, diesen Therapiebaustein beizubehalten. Hilfreicher ist jedoch oftmals die Kombination mit pflanzlichen Arzneimitteln, besonders solchen, die nachgewiesenermaßen die Darmbarriere stabilisieren. 

Auf welcher Erfahrung basiert Ihr „Kombinationseinsatz“? 

Eine wichtige Entscheidungsgrundlage ist die Laboranalyse der Stuhlproben, hier besonders der Mikrobiota (früher sagte man „Darmflora“, also die Bakterienvielfalt im Darm). Auch erhöhte Werte spezieller Stoffe der Darmschleimhaut sprechen für die Kombination. Die Gründe sind die Befunde, z.B. von Calprotectin (das ist ein “Entzündungswert“), und dem sogenannten „Zonulin“. Letzteres ist ein entscheidender Marker, der auf einen undichten Darm hinweist, also auf das „Leaky-Gut-Syndrom“. Es hat sich immer wieder bestätigt, dass für die bestmögliche Wirksamkeit der Probiotika eine stabile Barriere der Darmwand eine wichtige Voraussetzung darstellt, d.h. für den Erfolg bei der Ansiedelung der Probiotika ist eine intakte Darmbarriere von großer Bedeutung. Des Weiteren basiert die Kombinationsbehandlung auf meinen therapeutischen Erfahrungen der letzten 15 Jahre, also dem Erfolg insbesondere bei Patienten mit den entsprechenden Laborbefunden vorgenannter Parameter. 

Welche Probiotika setzen Sie bevorzugt in Kombination mit pflanzlichen „Darmstabilisierern“ ein und warum?

Die Auswahl des Probiotikums hängt von den Laborbefunden der individuellen Mikrobiota ab, demnach von der Funktion und Zusammensetzung der einzigartigen Darmbakterienvielfalt des jeweiligen Patienten. Dieses wurde auch in aktuellen Untersuchungen bestätigt. Dementsprechend hängt es vom individuellen Stuhlbefund ab, welches Probiotikum ich einsetze und dann mit einem pflanzlichen Arzneimittel - z.B. einer Myrrhe-Arznei - kombiniere, welches die Darmbarriere stabilisiert.

Wie hoch ist erfahrungsgemäß der therapeutische Zusatznutzen einer Kombination? 

Grundsätzlich trägt die Kombination zu einem ganz erheblichen therapeutischen Benefit bei. Meine Erfahrungswerte liegen bei mindestens dem doppelten Nutzen im Vergleich zur Einzeltherapie mit Probiotika. 
Meine Erkenntnisse sehe ich auch in einer aktuellen Übersicht zu mehreren Studien bestätigt, wo Probiotika bei Reizdarm eine „mögliche Wirkung“ zugeschrieben werden – sie könnten „ein bisschen“ helfen. Interessant wäre eine Aufarbeitung in einer weiteren Studie mit der zusätzlichen Gabe von pflanzlichen Arzneimitteln. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass diese Kombination dann ein weitaus besseres Studienergebnis zu Gunsten der Probiotika erzielen wird.