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Myrrhe & Weihrauch

„Myrrhe ist wertvoller als Weihrauch“

Interview mit Dr. theol. Ulf Lückel, Kirchenhistoriker am Institut für Theologie und Institut für Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover.

Myrrhe hat nicht nur eine lange Tradition als Arzneipflanze, auch in der religiösen Praxis – welchen Stellenwert hat Myrrhe im religiösen Kontext?

Im allgemein religiösen Kontext hat die Myrrhe einen hohen Stellenwert. Vor allem, wenn man die einzelnen Religionen etwas differenziert betrachtet: Beispielsweise wurde Myrrhe nicht nur im Christentum, vor allem bei den Katholiken, eingesetzt, wo sie zeitweise den Weihrauch komplett abgelöst hat, sondern auch im Judentum und im alten Ägypten. Hier wurde Myrrhe vor allem wegen ihres Wohlgeruchs und in der Einbalsamierung oder bei Salbungen hochgeschätzt und eingesetzt.  Neben diesem abendländlichen Kontext wurde Myrrhe aber auch in der buddhistischen und speziell der tibetischen Religion genutzt, hier sehr stark bei Rauchopfern und im Räucherkult, weil Myrrhe wesentlich besser (ver)duftet als Weihrauch, der schnell sehr penetrant riecht. Und was viele nicht wissen: Myrrhe wurde lange Zeit auch als „Schönheitsmittel“ verwendet, beispielsweise lassen sich manche historischen Quellen der Antike so interpretieren, dass Frauen ein Säckchen mit Myrrhe zwischen den Brüsten trugen, weil es so wunderbar duftete, wie es beispielsweise im alttestamentlichen „Hohelied Salomos“ öfter heißt.

Der neutestamentliche Bezug, der für Christen entscheidend ist, das sind die allgemein bekannten „Heiligen Drei Könige“ und deren Gaben Myrrhe, Weihrauch und Gold. Aber, und auch das wissen wenige, Myrrhe spielt nicht nur beim Anfang des Lebens Jesu eine Rolle, sondern auch an seinem Ende respektive der Auferstehung: Als Jesu Leichentücher getränkt werden, bringt einer der Juden (Nikodemus) dazu einen Riesensack Myrrhe mit, die mit Aloe gemischt wird.

Wo sehen Sie Schnittmengen im historischen Einsatz der Myrrhe sowohl als Arzneimittel als auch unter religiösen Gesichtspunkten?

Wenn wir bei Jesus bleiben, dann hatte die Tränkung der Leichentücher sicher einen medizinischen, in dem Fall desinfizierenden / konservierenden Effekt. Aber wir können noch weiter zurück gehen: Bei der Kreuzigung bekommt Jesus einen mit Essig getränkten Schwamm – so das allgemeine Wissen heutzutage. Aber dieser Schwamm war darüber hinaus auch mit Aloe und vor allem Myrrhe getränkt. Wahrscheinlich wegen des schmerzlindernden Effekts. Wir haben also nicht nur religiöse Schnittmengen im kultischen Bereich, sondern auch im medizinischen Bereich, denn die Myrrhe taucht in der Bibel, wenn man so will, damit als Schmerzmittel auf. Später findet man die Myrrhe dann immer wieder in den Klöstern als kultisches und therapeutisches Mittel.

Hat Myrrhe heute in beiden Bereichen - religiöse Rituale und medizinischer Einsatz - noch immer einen hohen Stellenwert?

Im religiösen Bereich haben wir einen doppelt hohen Stellwert: Zum einen das Kultische und zum anderen ganz klar der Wohlgeruch beim Räuchern – und das im Gegensatz zum Weihrauch, der, wie bereits erwähnt, schnell unangenehm riechen kann und auch deshalb sowohl früher als auch heute wesentlich billiger war. Myrrhe wird daher noch heute besonders bei den Katholiken als auch bei den Ostkirchen, wie z.B. den Bulgarisch-Orthodoxen, lieber eingesetzt.  Im medizinischen Bereich wird Myrrhe heute bei Mundentzündungen und Darmerkrankungen eingesetzt, insbesondere bei Verdauungsbeschwerden zeigen zahlreiche neue Studien gute Ergebnisse mit der mystischen Myrrhe als moderne Darmarznei.

Wo sehen Sie Unterschiede im Einsatz von Myrrhe und Weihrauch im medizinhistorisch-religiösen Kontext?

Hier gibt es interessante Schriften aus dem 17. Jahrhundert, verfasst in Rom, dass Myrrhe bei den Hochfesten eingesetzt werden soll, also z.B., dass Marienfeste mit Myrrhe symbolisiert werden. Weihrauch hingegen sollte nur für die eher niederen oder „normalen“ Messen verwendet werden. Neben dem besseren Geruch war einer der ganz pragmatischen Gründe dafür: Myrrhe war wesentlich teurer als Weihrauch, auch, weil sie viel schwerer zu beschaffen war. Heutzutage besteht ein Unterschied darin, dass Myrrhe als Arzneimittel erhältlich ist, Weihrauch als Nahrungsergänzungsmittel.

Können Sie uns abschließend noch eine Anekdote zur religiös-historischen Bedeutung von Myrrhe nennen?

Ja, mich hat folgendes sehr erstaunt: Es gibt sehr viele Erbauungsbücher aus dem 18. Jahrhundert von evangelischer Seite, genau genommen aus dem Pietismus. Da gibt es mehrere Gebets- und Andachtsbücher oder auch Predigten für die Bevölkerung die die Myrrhe im Titel tragen. Die Myrrhe als Symbol kommt darin derart vor, dass man – ohne es überzubewerten - als etwas Göttliches bezeichnen könnte, denn sie schließt das Leben Jesu ein: Am Anfang und am Ende „begleitet“ sie ihn.  Im 18. Jahrhundert wussten die Menschen also daher schon, dass die Myrrhe etwas ganz Besonderes ist.